Schade
Schade - auch im Iran
erstes
erstes Hotel
Rästelraten
Rästelraten
Tiefgarage
Tiefgarage
Hinterhofidylle
Hinterhofidylle

Vorurteile

Tuerkei  Endlich mal wieder Sonne und nur noch 40km bis zur iranischen Grenze. Mal sehen was der angebliche Schurkenstaat für Reisende bereit hält. Auf der türkischen Grenzseite werden wir gleich von einem Guide angequatscht, der uns bei den Formalitäten helfen will. Wir lassen ihn schliesslich machen, da er sehr penetrant ist. Von einer Station bis zur nächsten sind es knapp 200m, die er kurzerhand auf den Ersatzreifen auf Thomas KTM mitfährt.

Soweit klappt das dann alles und zum Schluss warnt er uns noch vor den Guides auf der iranischen Seite - wie üblich sind das alles Verbrecher im anderen Land. Diese Einstellung scheint wohl an jeder Grenze auf der Welt gleich zu sein.

Iran  Mit der Warnung im Kopf versuche ich die Perser dann abzuwimmeln, aber im Nachhinein war es doch besser, denen den Job zu überlassen. Mit den durchorganisierten Grenzen in Europa oder den GUS Staaten hat das hier wenig zu tun.

Ohne diese Guides weiss man nicht wohin als nächstes - so steht man halt draussen bei den Maschinen, gibt dem Guide seine Papiere und nach und nach kommen dann Uniformierte vom Zoll, von der Passkontrolle usw. Oder man sitzt in einem Wartesaal und lässt die Guides machen. Das ist kein steriler Wartesaal wie an anderen Grenzen - hier gibt es Geschäfte, kostenloses Trinkwasser für die Wartenden, ein laufender Fernseher, Kinder, die einem Sandalen reichen, wenn man beten möchte. Das ist alles so kundenfreundlich und hat mit meinem Feindbild Grenzer, nichts aber auch garnichts zu tun. Sicherlich wird das alles nur gemacht, um Reisende einzulullen, damit man dann im Land umso heftiger schikanieren kann.

Eine Versicherung fehlt uns noch, die kann man sich HINTER der Grenze besorgen. Unser Guide kennt natürlich ein entsprechendes Büro und wir folgen ihm. Die Motorräder müssen aber auf einem vielbefahrenen Kreisel abgestellt werden.

"No Problem, nobody will steal anything!"

betont unser Guide mit persischen Akzent und zwischen kleinen Ständen auf Getränkekisten, wo es meist Zigaretten oder Getränke zu kaufen gibt, lotst er uns in einen schmalen Seiteneingang an den sich ein langer und schummriger Gang anschliesst. Hier könnten uns jederzeit ein paar Räuber auflauern - wir sind ja immerhin in DEM Schurkenstaat - etwas Paranoia ist da wohl angebracht...
Doch am Ende des Ganges findet sich ein kleiner Copyshop der auch Versicherungen verkauft. Tee und was zum Qualmen wird uns angeboten und während der Papierkram erledigt wird, gibt's ein bischen Smalltalk mit dem Guide. Zum Schluss sollen wir ihm soviel Geld geben, wie uns seine Arbeit wert war. Wir geben 50$, denn das hat wirklich alles problemlos geklappt und alleine würden wir wohl noch immer im Grenzgebiet umherirren.

"Welcome to Iran"

haben wir inzwischen tausendmale gehört. Es ist unbeschreiblich, wie sich die Menschen ehrlich und von Herzen freuen, wenn sie uns sehen - die grossen Motorräder sind natürlich auch wichtig, denn im Iran sind maximal 250ccm erlaubt. Diese Chinamoppeds gibt es zu Tausenden und wie die - das meine ich jetzt eher im freundlichen Sinne - Schmeissfliegen umkreisen sie uns und wollen uns immer wieder zu einer Wettfahrt herausfordern. Schnell sind die Kisten wirklich, aber gegen das Aufheulenlassen unserer Motoren, können sie soundmässig nicht anstinken, wenn wir uns schon nicht auf Wettfahrten einlassen ;-)

Hervorragende Strassen

Hinter Tabriz beginnt eine top ausgebaute Autobahn, die uns schnell ein paar hundert Kilometer dem Ziel Kaspisches Meer näher bringen soll. Viele Polizeikontrollen inkl Radarmessungen sieht man unterwegs, da wir aber immer gesetzestreu fahren, sind Stops eher die Ausnahme und dann eher in der Neugierde der Beamten begründet.

Das Tanken ist jedoch... eine... wie soll man's ausdrücken... seltsame Sache: Es gibt 2 Arten von Tankstellen - welche mit langen, sehr langen Autoschlangen davor und welche, die total leer sind. Wir fahren einfach an die Leeren. Das sind jedoch die, wo man nur mit einer Berechtigungskarte tanken darf - die haben wir nicht, aber jeder Tankwart hat eine in der Tasche und wie ich es verstanden habe, war eine Pauschalzahlung an der Grenze der Eintritt zu dieser schnellen Abfertigung? Denn das muss wohl generell jedes ausländische Fahrzeug bezahlen und so gibt es auch keine Probleme. Die Tankstellen mit den Schlangen sind frei zugänglich und dementsprechend von den Einheimischen stark frequentiert, da zwar alle eine Karte haben, aber die Menge die getankt werden darf, begrenzt ist. Der Iran baut jetzt erst seine erste, eigene Raffinerie und muss Benzin importieren, was sich in einem Wahnsinnspreis von umgerechnet 30 EuroCent niederschlägt, aber darüber sollte man sich mal nicht beklagen ;-)

Wie das mit dem wilden Zelten aussieht wissen wir noch nicht, so fällt die Entscheidung ein Hotel zu suchen (was hier eigentlich unnötig ist, aber dazu später mehr) Da ist ein fettes H in der Karte beim nächsten Ort eingezeichnet, also die Autobahn verlassen und sowas wie "Hotel", "Gastiniza", "Pension" oder zumindest ein Bettensymbol suchen ... leider vergeblich. Ein Polizist schickt uns zurück, ein paar Schrauber in einer KFZ Werkstatt wieder in die andere Richtung... Shit, wenn man Persisch überhaupt nicht versteht geschweige denn lesen kann, fährt man wohl immer an jeder Übernachtungsmöglichkeit vorbei. Einer der Mechaniker fasst sich ein Herz, schnappt sich das Kinderfahrrad eines kleinen Jungen, der die ganze Zeit neugierig um uns kreist, fährt 200m zurück, zeigt auf ein Haus mit Restaurant und wir haben es gefunden.

Sauna

Das Hotelzimmer ist auf lauschige 50°C vorgewärmt und als erste Aktion kommt mein schweizer Multitool zum Einsatz, um die mit voller Leistung laufende Heizung runterzudrehen. Bei Thomas im Zimmer ist das aber wohl nicht möglich, denn das ganze Gebäude scheint auch als Sauna zu fungieren. An der Rezeption sitzt ein Uniformierter, der unsere Pässe kontrolliert und dann in einen Tresor verschliesst - ob das nun reguläre Polizei, Militär oder jemand in einem Faschingskostüm ist, wissen wir nicht - Probleme gibt es aber zumindest keine. Dafür ist die Speisekarte im Restaurant ein Problem bzw. ein Zettel mit 9 Rätseln, wir können nichts, aber auch garnichts entziffern. Mit etwas Mühe bestellen wir dann irgendwas, wobei man Getränke aber recht einfach mit Zeigen auf die Flaschen im Kühlschrank aussuchen kann. Die sehen aus wie Bierflaschen, enthalten auch Bier, aber ohne Alkohol dafür mit Fruchtgeschmack.

Während des Essens rutscht die Bedienung unruhig hin und her und wartet auf die Gelegenheit zu uns an den Tisch zu kommen. Er ist ganz erstaunt, dass wir kein Wörterbuch dabei haben (nächstes Mal habe ich sowas) und das Gespräch ist dementsprechend holprig, aber auch herzlich und mit kleinen Zeichnungen lässt sich ja auch vieles erklären. Er hat uns aber schonmal die Zahlen beigebracht, die übrigens von links nach rechts gelesen werden, im Gegensatz zum Text, der von rechts nach links geschrieben wird. Muss man wissen... wir wissen es jetzt... und die rechte Spalte in der Speisekarte (siehe Foto: von oben nach unten ist das durchnummeriert) ist uns jetzt auch klar. Zumindest ein Anfang und wir sind in der Lage die Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder zu entziffern. Allerdings stehen die Zahlen meist auch noch lesbar drauf, wie eigentlich fast alle Wegweiser auch in Englisch aufgestellt sind . Diese Schilder stehen sogar an sinnvollen Stellen und nicht wie z.B. in Russland manchmal 1km oder gar nur 1m vor der Entscheidung - im ersteren Fall hat man es eh vergessen, im zweiten ist man schon vorbei...

Nachdem die Heizung wieder hochgedreht wurde, muss ich mir keine Gedanken über erkältete Perser, die evtl nach mir im Zimmer übernachten, mehr machen. Dann gehts in die Tiefgarage aka Keller, wo die Motorräder die Nacht verbracht haben. Ein paar Abschiedsfotos mit den Handys der Angestellten müssen noch sein, E-Mail Adressen werden ausgetauscht und nun liegen 200km langweilige, aber top ausgebaute Autobahn vor uns, bevor es weiter auf kleine, gelbe Strassen gen Norden geht.

  

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Text&Bilder ©2o1o - Andreas Just      Letzte Änderung: 28.o7.2o1o